Rückkehr ins Paradies

von 25.11.2018Wandel0 Kommentare

Zu aller erst muss man natürlich herausfinden, was das sein soll -ein Paradies- wie sich das gestaltet, wenn es sich eh in den Köpfen der Menschen unterschiedlich definiert. Und, wer braucht das überhaupt? Denn wenn keiner eine Notwendigkeit sieht etwas zu verändern, dann ist wahrscheinlich alles in Ordnung – quasi lebten wir dann im Paradies….

Oder?!
Diese Frage, dieser Artikel wäre völlig unnötig, wenn man rausgehen würde in die Welt und strahlende Augen sehen würde, wenn man sich begegnet und kurz die Zeit und die Aufmerksamkeit sich gegenseitig berühren würden, wenn man sich ein Gefühl von Genährt-sein schenken würde, ohne dass etwas, ein Ding oder eine Tätigkeit dazwischen steht, sondern die Motivation einzig und allein der andere Mensch, das Gegenüber, das Erkennen von „Seinesgleichen“ ist.

Langeweile
Ist das nicht langweilig? Nur so ein „wir strahlen uns an“, ohne dass da ein Handeln ist, ohne dass da was rausspringt dabei? Ohne dass wir nachhause gehen mit einem sogenannten Mehrwert, mit etwas das uns hinüberrettet in den nächsten Moment, damit die Leere die dazwischen liegt, vermieden wird?!

Meine unmittelbare Erfahrung ist gerade ein Weihnachtsmarkt – die, die mit mir diese Erfahrung teilen, werden möglicherweise in sich hinein-schmunzeln, wenn sie die Auswirkung unseres gemeinsamen Erlebens in Wort gefasst, lesen.
Wenn ich also über diesen Markt gehe, der ohnehin dem Advent um eine Woche vorausgeeilt ist, dann sehe und fühle ich Langeweile. Suchende Augen die von Angebot zu Angebot huschen, von Gegenstand zu Gaumenfreuden und wieder zurück zum Gegenstand. Ich sehe Enttäuschung auf beiden Seiten: Bei denen, die anbieten und denen, die suchen. Immer wieder bleibt man hängen an Dingen, die in das persönliche Bild des Lebens hinein passen oder die ein Geschenk sein könnten für die Liebsten, für die Freunde…

Schenken
Aha, das Schenken an Weihnachten, dem Fest der Liebe…. (Natürlich spreche ich gerade aus meinem Erfahrungsraum innerhalb der christlichen Tradition, was nur eine Form von traditionellem Hintergrund ist und genauso in jede andere Tradition übersetzt werden kann.)
Diese Gewohnheit hat mich schon als junger Mensch nachhaltig beschäftigt, weil neben dem, dass man sich eine Freude machen möchte, sich schnell ein Gefühl von Verpflichtung einschleicht, weil es eben im Jahresverlauf gerade dran ist.

Experiment
In meiner Jugend – im Sturm & Drang und im Widerstand – wollte ich herausfinden, was passiert, wenn man die Erwartungen nicht mehr erfüllt. Ich verweigerte das „Schenken“ an Weihnachten, kam also mit fast leeren Händen, nur mit einem Brief an alle, indem mein Experiment beschrieben stand. Indem zu lesen war, dass ich mich an dieser Gewohnheit und Verpflichtung nicht beteiligen möchte und ich stattdessen für jeden „nur“ eine Rose mitbrachte um meinen guten Willen zu beweisen. Stattdessen nahm ich mir vor – was allerdings niemand wissen sollte – im Jahr jedem in irgend einer Form ein völlig unerwartetes Geschenk zu machen.

Überraschung
Ich fand heraus, dass das Schenken an sich davon lebt, dass es eine „Überraschung“ gibt. In diesem Moment ist das Geschenk auch ehrlich: Man macht sich Gedanken darüber was dem anderen Freude bereiten könnte und tut es plötzlich und unerwartet, man schenkt. Die Wirkung ist fast immer eine Öffnung und Freude!

Wenn allerdings das Schenken zur Gewohnheit wird und Erwartungen mit hinein schwingen und obendrein noch Werte definiert werden, in welcher „Größen-Ordnung“ geschenkt wird, dann verschwindet schnell der Zauber von Überraschungen.

Wirkung
Überraschung ist grundsätzlich einfach nur ein auslösender Moment – was dabei ausgelöst wird, ist abhängig vom Zusammenhang.
In meinem Experiment hatte ich zwei überraschende Momente: Einmal die Irritation, aus dem Gewohnten auszusteigen und zum anderen das plötzlich auftauchende Geschenk an völlig unerwarteter Stelle.

Die Irritation löste zunächst eine peinliche Stille aus und im Nachgang Betroffenheit und Berührtheit. Das nachträgliche Geschenk löste fast durchgängig stille Freude aus, indem es eben völlig unerwartet war und gleichzeitig mit Weihnachten nicht in Verbindung gebracht wurde. Eher war es ein „ver-Wunder-t“ sein in den Betroffenen über das plötzliche und unerwartete Auftauchen.

Strahlende Augen
Beide Male schaute ich am Ende in strahlende Augen – still und berührt – aber kindlich offen. Beide Male war das Strahlen unabhängig von der spezifischen Handlung und von dem berechenbaren Wert der Geschenke, eher war es initiiert von der Irritation und der Überraschung. Das ist das Geschenk darin, wenn man aus gewohnten Bahnen ausbricht und den Mut hat, diese anfängliche Enttäuschung auszuhalten. Viele Jahre dachte ich mir immer wieder neue „Irritationen“ aus – bis auch das zur Gewohnheit wurde und wieder von neuem eine Erwartung aufkam, dass vom Christian inhaltsschwangere Geschenke kommen – Da war das Strahlen wieder weg – oder es wurde zum gewohnten Verhalten…. Es wurde mir langweilig, die Ideen versiegten und ich hörte einfach auf damit – ohne zu wissen, ob das überhaupt wahrgenommen wurde.

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Irritation
Das soll aber jetzt nicht heißen, dass Öffnung grundsätzlich von Irritation abhängig ist oder strahlende Kinderaugen von Erweiterung und immer größeren Überraschungen. Das ist das, was in der Werte-Welt leider unweigerlich passiert, es braucht immer eine Steigerung oder Veränderung, sonst funktioniert dieses Prinzip von Irritation nicht mehr. Im Alltag sucht man also die Öffnung in immer größeren Herausforderungen, im Kitzel des Risikos, was einfach nur Adrenalin-Abhängigkeit erzeugt. In den Geschenken werden die Werte gesteigert was in einem „Wett-Schenken“ gipfelt, um diesen „Überraschungspunkt“ zu erhalten.

Weihnachten
Aber was ist denn jetzt der Punkt im Schenken? In meiner Erfahrung ist es die Berührtheit, es ist das Erkennen von dem, was uns als Menschen ausmacht, ist dieses große Ja zum Anderen, indem er mir soviel „wert“ ist, dass ich mich mit ihm beschäftigen mag. Es ist die Bereitschaft, diese offene Tür anzubieten, in der sich der Andere erkannt und angenommen fühlt.

Natürlich können das Gegenstände sein, die von dieser offenen Tür erzählen, es können Handlungen sein oder es ist -ganz banal- was Leckeres zu Essen. Hintergrund an Weihnachten ist die Geburt von Kinder-Augen…

Die Suche…
…auf dem Weihnachtsmarkt gilt also nicht den Gegenständen und auch nicht dem gastronomischen Angebot – noch nicht einmal dem geistigen Inhalt. Die Suche gilt der Erinnerung an das eigene Sein das sich in den Augen des anderen Menschen widerspiegelt. Deswegen findet man Langeweile und Enttäuschung, weil in den Angeboten nicht zu finden ist was eigentlich gesucht wird. Diese unerfüllte Suche kann soviel Bilder haben, von totalem Rückzug bis zur unkontrollierten Erfolgs-Sucht, von totaler Askese bis absoluten Gigantismus. Eins haben all diese Bilder gemeinsam… sie sind leer, fast fratzenhaft, mitunter sogar gespenstisch.

Erfüllung
Erfüllt werden diese Bilder nur durch das menschliche Sein im Hintergrund. Es ist völlig unabhängig davon welche Handlung, welcher Gegenstand das „erfüllt sein“ möglich macht – am Ende wird es eine Überraschung sein, die die Türen öffnet und erkennen lässt.
Wirtschaftlichkeit ist abhängig von der unerfüllten Suche. Im Angebot werden Andeutungen gemacht, von „ein bisschen mehr“ aber die Erfüllung bleibt vorenthalten und warum? Weil das wirtschaftliche Spiel sonst ein Ende hätte. Was soll verkauft werden, wenn es keinen Mehrwert mehr braucht, weil es kein Suche mehr gibt.

Wir werden deswegen nicht alle zu Asketen! Es verändert sich einfach nur der Fokus. Wir werden weiterhin Nahrung aufnehmen, aber sehr wählerisch sein, was wir unserem Körper anbieten. Wir werden uns weiterhin mit schönen Gegenständen umgeben, aber immer mit der Frage was nährt mich. Und wir werden weiterhin Werkzeuge benutzen – in welchem Zusammenhang auch immer – aber die Qualität und der mir zur Verfügung gestellte Nutzen wird ausschlaggebend sein.

Perspektiv-Wechsel
Jetzt komm ich endlich wieder zurück auf den Titel: das Paradies. Im christlichen Kontext ist es die Schlange, die uns angeblich verführt und aus dem Paradies fallen lässt. Die Schlange steht für Erkenntnis und Transformation, aber auch für Täuschung und Erstarrung. So ist das Spiel an sich ein Spiel des Erkennens und alle Täuschung wird transformiert, damit bewusst wahrgenommen werden kann, dass wir das Paradies nie verlassen haben! Es ist eine Täuschung, dass wir unerfüllt sind und wir haben ganze Welten darüber aufgebaut.

Dann wurde noch der strafende Gott hinzugefügt, der impliziert, dass es etwas zu erreichen gäbe -nämlich die Rückkehr ins Paradies – was wir als „Schuldige“ aber natürlich niemals schaffen…
Klingt das nicht furchtbar wirtschaftlich? Ist es nicht völlig klar, warum das Suchen nach Geschenken niemals aufhört, weil die Suche selbstredend einfach leer und unerfüllt bleibt?

Inzwischen haben wir die Schlange und den strafenden Gott aus unserem Leben verbannt, – schon fast vergessen – damit das Schuldgefühl endlich aufhört und wir frei sind, das Leben zu genießen… ohne zu bemerken, dass wir die Erfüllung gleichermaßen vor der Tür halten….

Türen öffnen…
…und schon sind wir da, wo wir niemals ankommen können, weil wir schon immer da gewesen sind – im Paradies, in der Erfüllung.
Manchmal braucht es Mut, die Türen offen zu halten, weil natürlich alle Gefühle mitkommen und alle Täuschungen offensichtlich werden. Es braucht Bereitschaft , auf dem Weg die Leere auszuhalten, denn nur ein leeres Glas kann neu gefüllt werden.
Was immer uns begegnet, wir halten einfach die Tür offen – vielleicht zieht es ein wenig, vielleicht will kaum jemand was davon wissen, weil diese Welt doch so bequem sein kann. Vielleicht ruft es sogar Unwillen hervor…

Egal – einfach offen halten ;o)
Herzliche Grüße
Christian

Mediale Einzelsitzung

> wo ist Deine Tür, die Du öffnen kannst?
> lebst Du im Paradies?
> was ist Dein Beitrag?

 

 

Blick in eine andere Welt
Unbeantwortete Frage

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Wir bewegen uns auf eine neue Zeit zu, ob wir das annehmen wollen oder nicht. Neu heißt auch tatsächlich neu - also sie kommt aus dem Unbekannten (Gott sei dank) und sie geht ins Unbekannte. Alles was wir kennen, hat auf eine bestimmte Weise ausgedient und wird an vielen Stellen schon als endlich durchschaut… an anderen Stellen aber noch nicht! ...
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