Be-Zieh-ung

von 05.08.2018Wandel0 Kommentare

Beziehen auf… oder Beziehen von…

Wohl das liebste Thema der Menschheit… In meinen Augen deswegen, weil wir der Liebe so nahe kommen über die Beziehung zu einem auserwählten Menschen. Warum aber ist dann die Beziehung auch das konfliktreichste Feld das wir kennen? Wie oft fühlt man sich angehängt und unfrei und ein anderes mal einsam und verlassen, obwohl es gar keinen greifbaren Grund dafür gibt.

Vielleicht liegt es daran, dass Beziehung mit Liebe in einen Topf geworfen wird und diese Mischung keine Klarheit mehr zuläßt.
Beziehung ist eine Absprache, fast könnte man sagen es ist eine Form von Vertrag. Im Idealfall sagen zunächst beide „Ja“ zum anderen. Alles andere aber ist Absprache-Sache, also „Vertrags-Inhalt“. Vielleicht klingt das ein wenig unromantisch – ist doch in vielen Köpfen ein Idealbild von Beziehung, indem man einfach glücklich ist und freudig den gemeinsamen Weg antritt. Jedenfalls ist das der Punkt, an dem die meisten Hollywood-Filme aufhören und man sich in seiner eigenen Fantasie diese Romanze weiter ausmalt – ganz persönlich. Man fügt den fehlenden Teil, das andere Geschlecht, hinzu und schon „lebten sie glücklich und zufrieden bis an Ihr Lebensende“…

Alles gut soweit, nur dass genau da, wo der romantische Film aufhört – Beziehung überhaupt erstmal losgeht… von Liebe sprechen wir noch garnicht.

Diese Idee von „Ergänzung“, also dem Hinzufügen von einem fehlenden Teil ist zum Scheitern verurteilt und ist fast ein wenig blasphemisch, weil der Schöpfung unterstellt wird, dass etwas unvollkommen erschaffen wurde. Ist das nicht „Mangel-Denken“ in der reinsten Form? Mir fehlt etwas und ich muss es hinzufügen, damit ich ganz sein kann. Ich brauche also jemanden „von“ dem ich den fehlenden Teil „beziehen“ kann.

Solange man sich in der „Verliebtheits-Phase“ befindet und im Anderen das allein Glückbringende sieht, ist man ja noch gerne bereit in die Beziehung zu investieren, denn immerhin will man ja auch den fehlenden Teil behalten und fängt vielleicht da schon an, in die Beziehung hinein zu geben, damit möglichst viel dabei herauskommt. Das ist Handel.

Eine psychologische Definition…
Komischer Weise ist mir auf meiner Reise immer wieder eine psychologische Definition von Beziehung untergekommen die da sagt, dass Beziehung solange aufrechterhalten bleibt, solange man immer ein bisschen mehr gibt, als man bekommen hat und man über diese Pendelbewegung von leichtem Ungleichgewicht die Beziehung aufrecht erhält. Sobald aber Geben und Nehmen ausgeglichen wird, ist Beziehung zu Ende… (!??)

Auch habe ich immer wieder gehört, dass Freundschaften so definiert werden… Ist da nicht selbstverständlich, dass da Erwartungen entstehen und Bedingungen die man irgendwann nicht mehr bereit ist zu erfüllen?

Und, ist Liebe nicht bedingungslos? Also sprechen wir da doch tatsächlich von einem Vertrag, der aber ein Handels-Vertrag ist und nicht eine Absprache, wie man das gemeinsame Leben gestalten möchte.

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…ein Missverständniss
Oder mehrere Missverständnisse  – jedenfalls in meinen Augen:

Erstens sind wir als Mensch grundsätzlich „Ganz“, uns fehlt gar nichts zu unserem Glück – sonst wäre Glück nicht möglich, wenn ich immer erst etwas bekommen müsste, von Jemanden etwas beziehen müsste, damit ich glücklich sein kann. Das, was man von anderen Menschen erhofft, definiert sich im Grunde durch „Lücken“ in der eigenen Geschichte und man versucht sie mit der Anwesenheit eines Menschen zu füllen. Das ist ein Teufelskreis, denn auch diese Lücken entstehen aus Erfahrungen mit Menschen-Geschichten….

Dieser Teufelskreis bewirkt den Versuch, die Geschichte zu verändern und immer danach zu suchen wo der Fehler liegt. Es gibt darin keinen Fehler – nur Ursache und Wirkung. Wenn man die Ursache entdeckt hat kann man die Wirkung verstehen und das lässt einen in Frieden kommen mit… was auch immer. Wenn wir jetzt versuchen würden die Geschichte zu reparieren, um ein perfektes Leben zu erhalten, sind wir sofort wieder im Mangel (es fehlt noch etwas zum perfekten Glück) und damit wieder in der Erwartung und letztlich im Handelsvertrag: Ich muss etwas Bestimmtes tun, um etwas anderes Bestimmtes zu bekommen.

Zweitens: Sich auf jemanden zu beziehen heißt doch erst einmal, dass man ganz in der Wahrnehmung ist, also alle Vorstellungsbilder, alle Erwartungen und alle Interpretationen fallen lässt, um herauszufinden: „wer bist Du gerade“. Rein psychologisch betrachtet gäbe es in diesem Moment keine Beziehung, weil gerade nichts geschieht außer reiner Wahrnehmung und Mitgefühl.

Dieser mitfühlende Raum ist es aber, der dem anderen das Gefühl gibt, ganz angenommen zu sein – also geliebt zu werden.

Das würde am Ende bedeuten: Da wo Beziehung aufhört, fängt die Liebe an… !?! Anders herum gesagt: da wo Beziehung ist, ist Liebe gar nicht möglich, weil es Bedingungen gibt!?!

Und drittens: Wenn es ein Geben und Nehmen gibt das irgendwann ausgeglichen werden kann, dann muss es darin Bewertung geben, sonst kann man ja nichts ausgleichen. Bewertung ist aber grundsätzlich „schwierig“ wenn es um Liebe gehen soll… Wer legt denn diese Werte fest und wie vergleicht man sie dann? Ist es dann nicht immer eine rein persönliche Betrachtung, die einer anderen rein persönlichen Betrachtung gegenübersteht? Und sind die Bewertungen darin nicht aus dem persönlichen Erleben, der persönlichen Geschichte entstanden?

Dann könnte man doch grundsätzlich sagen, dass, wenn es Streit um das Geben und Nehmen in Beziehungen gibt, immer zwei „Geschichten“ miteinander streiten. Worin es aber keine Lösung geben kann, weil ja die Werte die für Ausgleich sorgen würden, aus ganz persönlichen Erfahrungen definiert wurden und damit niemals gleich sein können.

Die persönliche Geschichte hat in unserer psychologischen Welt eine viel zu große Bedeutung bekommen. Es ist immer der Versuch „Geschichte zu bewältigen“, um dann ein glückliches Leben zu führen. Allein wenn ich das schreibe, dann fühlt sich das so anstrengend an, dass es mich nicht wundert, wenn Menschen nahe dem Burn-Out sind, wenn sie immer tiefer in die Geschichte einsteigen.

Noch einmal: Die Arbeit mit der persönlichen Geschichte dient dazu, Ursache und Wirkung zu verstehen und damit in Frieden zu kommen, nicht aber dazu neu definierte Ergebnisse zu erzielen.

Liebe sagt Ja
Jetzt kommt für mich der wichtigste Punkt:

Liebe an sich sagt einfach nur „Ja“. Das ist das Ja, das man sich ganz am Anfang aus reiner Verliebtheit gegeben hat. Es gibt nicht mehr oder weniger Liebe, sondern einfach nur Liebe. Wir sind Liebe, deswegen kann man sie nicht bekommen und auch nicht zu wenig davon haben. Das Einzige was man kann, ist Liebe fließen lassen, ihr also nicht im Wege stehen. Das funktioniert mal besser und mal schlechter – da kann es durchaus Dosierung geben und die hat immer etwas mit der persönlichen Geschichte zu tun – warum es selbstredend sinnvoll ist, sich damit zu beschäftigen.

Nur, Liebe ist unabhängig von unserer Geschichte, kann also nicht über noch tieferes Eintauchen bewirkt werden… Liebe kann kein Ergebnis sein – Liebe kann aber sein!

Das ist der Grund, warum diese Idee von Ergänzung nicht funktioniert: Denn, wenn ich etwas von jemandem beziehen möchte, damit ich ganz bin, dann gibt es ein ersehntes Ergebnis und damit ist es ein Gerangel und hat nichts mit Liebe zu tun. Wenn ich mich aber auf jemanden beziehe, dann gibt es kein Ergebnis-Ziel sondern das bloße Wahrnehmen: „Ja“ – so bist Du… und dann ist da Liebe!

Da ist dann aber keine Verpflichtung mit dem Menschen, durch den die Liebe ins fließen kam in Beziehung zu sein, wenn fehlende Gemeinsamkeiten die nicht hergeben.

Zu guter letzt:
Liebe ist absolut unpersönlich, was ihr eben die Romantik raubt… Romantik ist Geschichte – höchst persönlich – hat also nichts mit Liebe zu tun. ;o)

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Wir bewegen uns auf eine neue Zeit zu, ob wir das annehmen wollen oder nicht. Neu heißt auch tatsächlich neu - also sie kommt aus dem Unbekannten (Gott sei dank) und sie geht ins Unbekannte. Alles was wir kennen, hat auf eine bestimmte Weise ausgedient und wird an vielen Stellen schon als endlich durchschaut… an anderen Stellen aber noch nicht! ...
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